Über die Würde im Widerstand

Letzten Juni besetzte die “Letzte Generation” Österreich  die Wiener Ringstraße vor dem Parlament. Es war ihr letztes Mal. Danach löste sie sich auf.

Ich war dabei, und ich war tieftraurig. Jene Leute, die von sich sagten, die letzte Generation zu sein, die den Klimakollaps noch abwenden kann, gestehen sich ein, dass es gerade misslingt. Leider ist es auch ziemlich folgerichtig. 2024 haben wir das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens durchschlagen, während es politisch um Migration, Kriege und die Machtphantasien von alten machtgeilen Männern geht.

Organisiert bleiben in Zeiten der Dunkelheit

Damals auf der Ringstraße sprach Prof. Reinhard Steurer, Klimaforscher im IPCC, und er sagte in etwa: Leute, das wird jetzt hart: Das Fenster der Möglichkeiten für wirksame Klimapolitik ist gerade zu. Wir haben derzeit keine Chance, mit dem Thema durchzukommen. Jetzt könnt ihr nur organisiert bleiben, zusammen bleiben, damit ihr schnell wieder da seid, wenn das Fenster wieder aufgeht. Was es jetzt braucht, ist Geduld.

Das ist das Schwierigste für diese Bewegung: Wie kann eine Bewegung Geduld haben, die auf ihren Transparenten “Wir haben keine Zeit mehr” rumträgt?

Noch mehr zählt: Die Öffentlichkeit war für die Aktivist:innen ihr wichtigster “Artikulationsort”, wie ihn die französische Philosophin Cynthia Fleury beschreibt (aufgelesen hier): An diesem Ort können sie Unrecht benennen und Gerechtigkeit einfordern, und das ist zentral für den Erhalt ihrer Würde. Wo schreien sie jetzt ihr erlebtes Unrecht hinaus? Keiner hört sie, und langsam verstummen sie.

Kürzlich war ein Aktivist von “Lobau bleibt” bei mir zum Coaching. Wer die Lobau nicht kennt: Das ist ein Auengebiet an der Donau, durch das die (sozialistische!) Wiener Stadtregierung gerade eine Autobahn baut. Die Aktivist:innen hatten monatelang die Baustelle besetzt. Sie wurden mit Polizeigewalt vertrieben, jetzt rollen die Bagger.

(Ironie der Geschichte: ein paar Kilometer flussabwärts liegt die Hainburger Au. In der habe ich mir vor 40 Jahren den Hintern abgefroren bei der ersten Naturbesetzung Österreichs. Der Bundeskanzler war Sozialist, und sozialistische Bau-Gewerkschafter haben uns mit Knüppeln bedroht. Wir konnten der Polizei und der Politik widerstehen, jetzt ist es der Nationalpark Donauauen).

Zurück zur Gegenwart: Der Lobau-Aktivist betreibt in seiner Community genau das: Er hält Struktur. Er organisiert Treffen, damit Menschen kommen können und reden – damit sie wenigstens einen Raum füreinander haben. Den meisten geht es schlecht. Viele von ihnen geht es sehr schlecht, einige sind psychisch schwer belastet. Der Aktivist berichtet von Gesprächen, in denen ihm erzählt wird: “Lieber mache ich die Augen zu, um noch weiter glauben zu können, dass wir es schaffen.”

Die Psychologisierungsfalle

Mein hochgeschätzter Kollege Oliver König hat mir kürzlich geschrieben, dass er im Wirken von Horst Eberhard Richter einen wichtigen Aspekt wiedergefunden hat. Richter hat in den 1960ern und -70ern mit marginalisierten Gruppen gearbeitet, und er beschreibt darin, wie sehr er sich bemühen musste, politische Zustände nicht zu “psychologisieren”, also zu einem Problem der menschlichen Psyche zu machen. Das individualisiert und entmächtigt diese Menschen. Es war ein Augenöffner.

Ich erinnere mich an meinen ersten Kontakt mit Fridays for Future: Da kamen zwei 17-jährige junge Frauen und sagten “wir sind das Care-Team. Wir kümmern uns, wenn es jemandem schlecht geht”. Deren Aufgabe als reine “Supportfunktion” zu sehen, wäre, sie zu psychologisieren: Es ist ein politischer Akt, genauso wie Hausarbeit in Zeiten des Patriarchats. Und sie schaffen die Repräsentanz des “Artikulationsorts” nach innen, weil sie benennen: Hier geht es Menschen schlecht und sie brauchen Care. Darüber hinaus übersetzen sie die riesigen Weltrettungsphantasien in ganz konkretes, erfolgreiches Handeln. Es gibt nichts konkreteres und näheres, als ein Gespräch, eine Umarmung, tröstliche Worte, oder eine Konfliktvermittlung.

Beratung zum Halten

Vielleicht liegt dort gerade unsere Hauptaufgabe als #coachesforfuture: Es gibt Situationen, in denen wir nichts bewegen und nichts lösen können. Wir können nur halten, damit getrauert werden kann. Denn nur wenn wir trauern können, können wir die Augen offen halten für die Situation, wie sie nun eben ist. Nicht zuletzt müssen wir selbst ja auch trauern, um die Situation halten zu können, sonst haben wir die Augen zu.

Und es ist vielleicht unser politischer Akt im Sinne von Hannah Arendt’s vita activa. Weiterhin hinschauen, auch wenn die ganze Welt wegschaut – das ist jetzt der Artikulationsort – mehr geht vielleicht gerade nicht. Arendt stellte im Zuge ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess die These auf: Nichtstun macht mitschuldig an dem, was passiert. Wenigstens das müssen wir uns nicht vorwerfen.

Herzliche Grüße,
Claus Faber (Netzknoten AT)
in Zusammenarbeit mit Susanne Usia (Netzkonten DE)

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